Gruppen- und Einzelstunden in der Feldenkrais-Methode – eine Gegenüberstellung
Die Feldenkrais-Methode kann sowohl im Gruppenunterricht als auch in Einzelsitzungen vermittelt werden. Hierin unterscheidet sie sich von benachbarten Verfahren wie dem Yoga oder dem QiGong auf der einen oder der Osteopathie oder anderen manuellen Methoden auf der anderen Seite. Beide Anwendungsformen haben ihre jeweiligen Vorteile. Welche der beiden in einer gegebenen Situation eher zu empfehlen ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Dabei geht es vor allem darum, welche Anwendungsform zunächst Priorität haben sollte. Der Gruppen- und der Einzelunterricht ergänzen einander nämlich ganz wunderbar. Wer die Möglichkeiten der Feldenkrais-Methode maximal ausschöpfen will, sollte beide Formen kennenlernen.
Gruppenunterricht – auch „Bewusstheit durch Bewegung" genannt
Im Gruppenunterricht – vom Urheber Moshe Feldenkrais „Bewusstheit durch Bewegung" (englisch: „Awareness Through Movement" oder einfach ATM) getauft – führt die/der Praktizierende die Bewegungen eigenständig nach verbaler Anleitung aus. Im Allgemeinen wird im Liegen oder Sitzen auf einer Matte, manchmal auch im Stehen oder Gehen gearbeitet. Die Dauer einer Gruppenstunde variiert. Grob sollte sie sich nach der natürlichen Aufmerksamkeitsspanne richten. Selten wird länger als 60 Minuten am Stück unterrichtet. Es kommt vor, dass Teilnehmer bereits schon während der Stunde von den intensiven körperlichen Eindrücken gesättigt sind. Dann werden sie dazu ermuntert, sich einfach „auszuklinken" und liegenzubleiben, während der Rest der Gruppe die Stunde zu Ende macht.
Generelle Vorteile des Gruppenunterrichts:
- Man wird manchmal auch mal vor knifflige Aufgaben gestellt, erlebt Herausforderungen, kommt mal an seine Grenzen, hat Erfolgs- (und vielleicht auch mal Frust-)erlebnisse, erlebt sich als kreativer Problemlöser.
- Auch wenn die Teilnehmer während des Gruppenunterrichts nicht viel reden, herrscht eine Gruppendynamik, die eine wohltuende und auch therapeutisch nicht zu unterschätzende Wirkung entfalten kann.
- Man wird mit der Zeit vom Lehrer unabhängig, kann sich zu Hause eine Audiothek zulegen und jederzeit nach Zeit, Lust und Laune für sich praktizieren.
- Die Wirkung der Stunde kommt durch die Auseinandersetzung mit sich selbst zustande. In Worten ausgedrückt: „Ich kann etwas", „Ich kann mir selbst / meinem Körper vertrauen", „Ich bin mehr als ich dachte".
Besser auch die Einzelstunden kennenlernen: Wer immerzu nur an der Gruppe teilnimmt, erreicht nach einer Phase der Verbesserung eher ein Plateau, wo es nicht mehr weiter zu gehen scheint. Durch einen Blick von außen und neuen Impulsen im Rahmen einer Einzelstunde öffnen sich dann oft noch ungeahnte Möglichkeiten.
Einzelunterricht – auch „Funktionale Integration" genannt
In der Einzelarbeit – von Moshé Feldenkrais „Funktionale Integration" (englisch: Functional Integration oder einfach FI) getauft – setzt der Lehrer seine Hände ein. Dabei liegt die Klientin/der Klient angekleidet auf einer Liege. Manchmal wird auch hier im Sitzen auf einem Stuhl oder im Stehen oder Gehen gearbeitet. Mit langsamen, achtsamen Bewegungen und meist geringem Krafteinsatz hebt der Lehrer mal einen Arm, mal ein Bein, mal den Kopf usw., übt mal hier sanften Druck, mal dort sanften Zug aus. In manchen Situationen können auch massierende Griffe im Muskelgewebe angezeigt sein. Diese dürfen allenfalls einen Wohlschmerz auslösen und erfordern daher eine engmaschige Rückmeldung durch die Klientin / den Klienten. Im Übrigen wird dem Schmerz konsequent aus dem Weg gegangen.
Einzelstunden haben eher den Charakter eines nonverbalen Dialogs als den einer Behandlung. Beim Wort „Behandlung" hat man in der Medizin die Vorstellung eines aktiven Therapeuten, der die Behandlung gibt, und eines passiven Patienten, der sie erhält. In Feldenkrais-Stunden kommt es aber in jedem Augenblick entscheidend auf die Reaktionen des Klienten an. Diese sind stets unvorhersehbar, und der Feldenkrais-Lehrer muss in jedem Augenblick auf sie eingehen und seinerseits reagieren, ähnlich wie in einem Dialog. Vom Verhältnis zwischen Lehrer und Klient her ähneln Feldenkrais-Einzelstunden daher eher dem zwischen einem Gesprächstherapeuten und seinem Klienten. In beiden Fällen gestaltet zwar der Therapeut / der Lehrer im weitesten Sinn die Stunde, doch begegnet er seinem Klienten als gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe in einem gemeinsamen Erkundungs- und Veränderungsprozess.
Generelle Vorteile der Einzelarbeit:
- Die Einzelarbeit ist individueller. Die Klientin / Der Klient hat die alleinige Aufmerksamkeit des Lehrers. Dessen Vorgehen ist ganz und gar auf das Befinden, die Möglichkeiten und die Regungen der Klientin / des Klienten von Moment zu Moment bezogen.
- Mögliche körperliche Einschränkungen wirken in der Einzelstunde nicht einschränkend. Sie gehören zur Gesamtsituation der Klientin / des Klienten, die der Lehrer als gegeben annimmt, um die Stunde entsprechend dem vorgebrachten Anliegen bestmöglich zu gestalten.
- Generell sind die Wirkungen der Einzelstunden intensiver und tiefgehender.
- Die Wirkung der Stunde kommt durch einen „nonverbalen Dialog" zustande. Der Lehrer stellt sich als Spiegel zur Verfügung. In Worten ausgedrückt kann die Erfahrung lauten: „Ich werde erkannt", „Ich werde verstanden", „Ich darf so sein wie ich bin".
Besser auch die Gruppenstunden kennenlernen: Wer immerzu nur Einzelstunden nimmt und um die Gruppenarbeit einen Bogen macht, läuft Gefahr, in einer Komfortzone zurückzubleiben und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu versäumen. Wer die Möglichkeiten der Feldenkrais-Methode maximal ausschöpfen will, sollte beide Formen kennenlernen.