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Halbseitenlähmung
Hierunter versteht man die Lähmung einer Körperseite durch
den Ausfall von Nervenbahnen im Gehirn. Eine Halbseitenlähmung
kann entstehen durch Schlaganfall (häufigste Ursache), Hirnblutung,
Hirntumor oder Schädeltrauma. Der Gebrauch des Beins und/oder
des Arms auf der betroffenen Seite kann eingeschränkt oder
nicht möglich sein. Auch Taubheitsgefühle und andere Wahrnehmungsstörungen
können auf der betroffenen Seite auftreten. Die Lähmung
kann mit weiteren neurologischen Störungen einhergehen, z.B.
des Gleichgewichts oder der Sprachfähigkeit. Ausführlichere
Informationen zum Thema Halbseitenlähmung: siehe Literaturangaben
am Ende dieses Artikels.
Wichtige Kennzeichen aus Sicht der Feldenkrais-Methode
- Verbesserungen sind im Prinzip auch viele Jahre nach dem Ereignis
und auch im hohen Alter noch möglich.
- Der Wille der/des Betroffenen zur Wiederherstellung ist für
die Rehabilitation ein sehr wesentlicher Faktor.
- Meist wird die Halbseitenlähmung durch ein plötzliches
Ereignis verursacht. Dies kann einerseits zum Untergang von Nervengewebe,
gleichzeitig aber auch zu einer Art Schockzustand des Nervensystems
führen. Dieser Schockzustand lässt dann möglicherweise
Funktionen ausfallen, obwohl die hierfür zuständigen
Nervenzellen noch leben. Hier geht es also darum, Funktionen "aufzuwecken".
Dies erklärt, wie es manchmal innerhalb einer einzelnen Stunde
zu deutlich spürbaren Verbesserungen kommen kann.
- Sind Nervenzellen gestorben, kann deren Funktion im Prinzip
von anderen Nervenzellen übernommen werden. Dies ist im allgemeinen
ein sehr langsamer Prozess.
Zur Vorgehensweise:
Wie bei allen Anliegen, die einen zu Feldenkrais führen können,
gilt auch für halbseitig gelähmte Menschen: Mit ihrem
Wunsch nach Besserung stehen sie in erster Linie vor einer Lernaufgabe.
Aufgabe des Feldenkrais-Lehrers ist es dann, Bedingungen zu schaffen,
in denen die Klientin / der Klient möglichst effektiv lernen
kann. Dazu gehören:
- körperliches Wohlbehagen, soweit es die Umstände
erlauben. Daher stehen bei der Feldenkrais-Methode auch Körperfunktionen
im Vordergrund, die auf den ersten Blick vielleicht nicht mit
der Lähmung zusammen zu hängen scheinen, z.B. die Atmung
und der Muskeltonus nicht gelähmter Körperpartien. Gerade
wenn der eigene Körper einem durch das verursachende Ereignis
fremd geworden ist, kann jedes Gefühl von Erholung oder Normalisierung,
auch wenn es sich auf eine "nicht betroffene" Körperpartie
oder eine einzelne Sinneswahrnehmung bezieht, die Zuversicht und
das Interesse an weiterer Verbesserung nähren.
- Aufbauen auf vorhandene Stärken: Je kompetenter
sich die Klientin / der Klient erlebt, desto überschaubarer
erscheint die zu lösende Aufgabe. Deshalb beziehen wir bei
Feldenkrais auch sehr oft die nicht betroffene Seite in Bewegungen
ein. Durch beständiges Vergleichen von linker und rechter
Seite beschäftigt sich die Klientin / der Klient immer wieder
damit, wie seine nicht bzw. weniger betroffene Seite funktioniert
und wie sie ihm als "Lernvorlage" für die gelähmte
Seite dienen kann.
- Eine nicht wertende, nicht fordernde Haltung: Mit Bewertungen
oder mit der bloßen Erwartung, "es soll sich etwas
bessern", lässt sich kein Lernprozess in Gang bringen.
Von solchem Verhalten - selbst in Gedanken - muss der Feldenkrais-Lehrer
so frei sein wie möglich. Erst durch neutrales Beobachten
öffnet sich ihm der Blick für mögliche Verbesserungen.
Dadurch fördert er auch eine neutrale, akzeptierende Haltung
der Klientin / des Klienten sich selbst gegenüber. Dies wiederum
bildet den Boden für Neugier gegenüber den eigenen Möglichkeiten.
- Wecken von Neugier: Durch Berührung - leichtes Heben,
Schieben oder Ziehen - stellt der Feldenkrais-Lehrer der Klientin/dem
Klienten "nonverbale Fragen". (Auch eine verbale Bewegungsanleitung
ist möglich. Dann begibt sich die Klientin/ der Klient allein
in den nonverbalen Erkundungsprozess, wie es sonst in der Gruppenarbeit
- Bewusstheit durch Bewegung - geschieht.)
So wird die Aufmerksamkeit auf Körperpartien oder auf Bewegungsmöglichkeiten
gelenkt, die infolge des verursachenden Ereignisses ausgeblendet
sind - oder es vielleicht schon früher waren. Manchmal können
durch solche Entdeckungen innerhalb nur einer Sitzung deutlich
spür- und sichtbare Verbesserungen erreicht werden. Dies
zeigt dann, dass die Behinderung nur teilweise dem Untergang von
Nervengewebe, teilweise aber auch einer Art "Schockzustand"
zuzuschreiben ist, aus dem die Klientin /der Klient schrittweise
aufwachen kann, um sich dann neu zu organisieren.
Weiterführende Informationen zum Thema Halbseitenlähmung
Literatur:
1) Feldenkrais, Moshé: Abenteuer im Dschungel des Gehirns.
Der Fall Doris. Suhrkamp st 663, Frankfurt M. 1981.
2) Geissler, Trudy: Halbseitenlähmung. Springer-Verlag, 4.
Auflage, Heidelberg 2005.
3) Taylor, Jill B.: Mit einem Schlag. Wie eine Hirnforscherin durch
ihren Schlaganfall neue Dimensionen des Bewusstseins entdeckt. Knaur
Verlag, München 2010.
4) Van Cranenburgh, Ben: Neurorehabilitation. Neurophysiologische
Grundlagen, Lernprozesse, Behandlungsprinzipien. Urban & Fischer
Verlag, München Jena 2007.
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